Wer mit dem Zug von Frankreich nach Grossbritannien reist, fährt unter dem Ärmelkanal hindurch. Der sogenannte Eurotunnel verbindet Coquelles bei Calais mit Folkestone in der südenglischen Grafschaft Kent. Er ist rund 50 Kilometer lang; ungefähr 38 Kilometer davon liegen unter dem Meer.

Gebohrt statt im Meer versenkt

Anders als manche Unterwassertunnel wurde der Ärmelkanaltunnel nicht aus vorgefertigten Röhren zusammengesetzt und ins Meer abgesenkt. Geologen hatten unter dem Meeresboden eine geeignete Schicht aus Kreidemergel gefunden. Dieses Gestein ist vergleichsweise stabil und lässt nur wenig Wasser durch.

In dieser Schicht, durchschnittlich etwa 40 Meter unter dem Meeresboden, arbeiteten sich riesige Tunnelbohrmaschinen vorwärts. Gebohrt wurde gleichzeitig von der britischen und der französischen Seite aus. Die Maschinen lösten das Gestein an der Tunnelbrust, während Förderanlagen den Aushub nach hinten abtransportierten.

Direkt hinter den Bohrmaschinen entstand bereits die fertige Tunnelwand: Vorgefertigte Betonelemente wurden zu Ringen zusammengesetzt und sorgfältig abgedichtet. So blieb die frisch ausgebrochene Röhre stabil und vor eindringendem Wasser geschützt.

Eigentlich sind es drei Tunnel

Der Ärmelkanaltunnel besteht nicht aus einer einzigen Röhre. Parallel nebeneinander verlaufen zwei grosse Eisenbahntunnel, in denen jeweils ein Gleis liegt. Dazwischen befindet sich ein kleinerer Service- und Rettungstunnel.

Kurze Quergänge verbinden den Servicetunnel in regelmässigen Abständen mit den beiden Bahnröhren. Im Notfall können Reisende dadurch einen geschützten Bereich erreichen. Der mittlere Tunnel dient ausserdem der Wartung und ermöglicht den Einsatz von Rettungskräften.

Treffpunkt unter dem Meer

Eine besondere Herausforderung war die Genauigkeit. Die Bautrupps bohrten von beiden Ländern aus aufeinander zu. Mithilfe präziser Vermessung mussten Richtung und Neigung laufend kontrolliert werden.

Am 1. Dezember 1990 erfolgte der öffentlich gefeierte Durchbruch im Servicetunnel. Die beiden Bohrstrecken trafen mit nur wenigen Zentimetern beziehungsweise Dezimetern Abweichung aufeinander – eine aussergewöhnliche technische Leistung für die damalige Zeit.

Danach folgte der Innenausbau: Gleise, Fahrleitungen, Signaltechnik, Beleuchtung, Lüftung, Entwässerung sowie umfangreiche Sicherheitsanlagen wurden installiert. Am 6. Mai 1994 wurde der Tunnel offiziell eröffnet.

Autos reisen auf dem Zug

Durch die beiden Hauptröhren fahren Hochgeschwindigkeits- und Güterzüge sowie spezielle Shuttle-Züge. Autos, Busse und Lastwagen fahren also nicht selbst durch den Tunnel. Sie werden in Coquelles oder Folkestone auf Eisenbahnwagen verladen und auf der Schiene auf die andere Seite des Ärmelkanals transportiert.

Haben auch Sie eine Frage, die wir im RegioTicker beantworten sollen? Schreiben Sie uns.